Krebs ist doof.
 
 

Diese Leseprobe beinhaltet den Beginn des Buches und einige Ausschnitte aus verschiedenen Stellen des Buches.

 

 

08.10.2009

Ich bin ins Krankenhaus gegangen, weil es einfach nicht besser wurde. Es wurde sogar so schlimm, dass ich es einfach nicht mehr aushalten konnte und wollte. Die Erkenntnis kam mir gestern Abend gegen 22h auf dem Badezimmerboden kniend.
Seit Wochen und Monaten schon habe ich täglich Schmerzen über der linken Brust in meinen Wirbeln, die irgendwann Rückenschmerzen und Verspannungen nach sich zogen. Zunächst schrieb ich dies meiner Fehlhaltung oder Wirbelblockierungen zu.
Unzählige Besuche bei Hausarzt, Orthopäden und Physiotherapeuten führten zu keinem Ergebnis und ich lebte damit, drei Mal täglich Schmerztabletten zu schlucken. Verschiedene Diagnosen wurden gestellt, ich bekam Schmerzspritzen direkt in meine Muskeln aber nichts half. Also lebte ich damit, drei mal täglich Schmerztabletten zu schlucken. Wie lange ich das so gemacht habe? Ich weiß es schon nicht mehr.

[...]

Mein Allgemeinzustand verschlechterte sich inzwischen von Tag zu Tag, die Schmerzen wurden schlimmer, ich fühlte mich krank, matt, einfach nicht gut. Fieber kam sobald ich keine Schmerztabletten schluckte. Dennoch bekam ich keinen zeitnahen Termin beim Hämatologen. Auch als mein Hausarzt persönlich dort anrief, blieb der Termin zwei Wochen entfernt.
Dieser ganze Ärztemarathon hatte mich auch psychisch doch ein wenig mitgenommen. Arzttermine hießen nämlich in ausnahmslos jedem Fall: WARTEN. Wie viele Stunden ich in Wartezimmern verbrachte, will ich gar nicht wissen. Die Ungewissheit, was denn nur mit mir los war und die gleichzeitige Verschlechterung meines Zustandes machten mich schließlich so fertig, dass ich mich selbst ins Krankenhaus einwies. Damit wären wir wieder beim Jetzt:

Den gestrigen Tag verbrachte ich noch ganz normal in der Hochschule und mit meinem besten Freund beim Kickern, beschloss aber mittags keine Tabletten mehr zu nehmen um zu sehen, was passieren würde. So weiter gehen konnte es nicht. Der Termin beim Hämatologen war noch in weiter Ferne, irgendetwas musste passieren.
Abends zu Hause angekommen hatte ich, wie erwartet wieder Fieber. Um die 39°C und ich fühlte mich einfach nur richtig sch***.
Weinend rief ich meinen Vater an und bat ihn mich erneut ins Krankenhaus zu fahren.

Dieses Mal ging dann alles verhältnismäßig schnell. Der gleiche behandelnde Arzt wie vor zwei Wochen sah sich mit meiner Problematik konfrontiert. Jetzt allerdings hatte ich noch einen Knubbel über dem Schlüsselbein, den ich präsentieren konnte. Dieser Knubbel war auch Anlass dafür, dass man mich nun doch da behielt.

Und hier bin ich nun.

Es ist 5.32 Uhr. Ich habe Schmerzen und die ganze Nacht nicht geschlafen. Bin nur kurz weggedöst.

Halswirbelsäle, Kopf, Schulter. Das alte Problem. Nur diesmal ohne Schmerztabletten. Ich habe gerade eben meinen „Bedarf“ bekommen: Schmerztropfen. Ich hoffe, diese zeigen bald Wirkung.

[...]

Lymphknotenschwellung. Fieber. Schmerzen. Tumor im Kopf. Ich habe Angst.

 

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16.10.2009

Warum Thrombosestrümpfe sexy sind

Seit meiner OP zur Lymphknotenbiopsie trage ich Thrombosestrümpfe. Weiße, enge Strümpfe, die bis zu den Leisten reichen und die elegant einen großen Zeh freilassen. Auf der Sohle steht chic aufgedruckt die Größe, die sich auf vier Buchstaben beschränkt. S, M, L, XL.

Meine Füße haben Größe M. Meine Beine allerdings wohl nur Größe S. Ich kann meine Strümpfe oben ganz neckisch umschlagen. Mehrmals. Aber das ist wie mit der Haute Couture Mode: Auf den Leib eines 1,80m großen Modells zugeschnitten, für die Otto-Normal-Krebskranke eher unpassend.

Mein Laufsteg besteht auch nur aus dem Weg vom Bett zum Klo und zurück. Und anstatt eines modischen Handtaschenaccessoires ziehe ich einen Infusionsständer neben mir her. Mein Po wird durch die spannenden Strümpfe allerdings optimal betont. Schließlich entwirft sogar Wolfgang Joop nun Thrombosestrümpfe. Ich sage nur: SEXY, SEXY, SEXY!

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31.10.2009

...meine Haare fallen aus. Überall am Körper. Habe heute Morgen ganz kurz geweint aber dann ging es wieder. Kommt ja alles wieder. Trotzdem ist es nicht einfach. Manchmal ist mir wirklich nach heulen zu mute, weil alles ist wie es ist. Weil ich diese Krankheit habe, weil die Chemo jetzt dauert, weil alles nicht einfach ist, weil, weil, weil. Aber dann denke ich wieder: Ich hab es noch so gut getroffen, anderen geht es viel schlechter. Trotzdem. Trotzdem bin ich jämmerlich und würde gern weinen. Aber ich kämpfe und gebe jetzt nicht klein bei!

 

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03.12.09

Das Leben läuft an mir vorbei und ich nehme nicht teil. Ich bin ausgestiegen und sehe von außen zu. Der Krebs schließt mich aus.

Ich gehe durch die Stadt, eingepackt in viele Schichten Kleidung, zwei Mützen auf dem Kopf mit der Angst vor jedem Menschen, der mir zu nahe kommt. Angst, dass ich mich anstecke, dass ich wieder krank werde, dass ich wieder ins Krankenhaus muss. Ich gehe wie auf Eiern, mein Körper ist vom vielen Sitzen und Liegen ganz steif. Ich habe keinen Alltag mehr. Ich sitze nur noch zu hause und bringe die Zeit herum. Langsam gewöhne ich mich sogar fast dran.
Aber ich muss raus. Dann gehe ich und sehe die Menschen, die alle ein Leben leben, rieche Gerüche aus verschiedenen Häusern, da wird gekocht, da leben Familien ihr Leben. Kinder fahren auf ihren Tretrollern an mir vorbei. Sie leben ein Leben. Vier Jugendliche gehen die Straße entlang, rauchen, messen sich untereinander. Leben ein Leben. Ich wünsche mir für einen Moment noch mal Kind zu sein, jugendlich. Nicht zu ahnen, dass ich mal Krebs bekomme. Noch mal unbeschwert zu sein, noch mal alles zu tun, was ich schon mal getan habe. Noch mal zu leben. Noch mal 23 Jahre ohne Krebs.

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